Noch immer dreht sich in unserem Themen-Monat Februar alles um die Einsamkeit. Dass Eltern besonders von ihr bedroht sein können, haben wir bereits letzte Woche thematisiert. Aber auch Kinder und insbesondere Jugendliche sind vor Vereinsamung nicht gefeit, das weiß die leitende Psychologin der Heiligenfeld Klinik Waldmünchen Dr. Petra Kingsbury. Sie hat unserem Redaktionsteam einige Fragen über Einsamkeit in jungen Jahren beantwortet.
Warum werden Jugendliche einsam?
Dr. Petra Kingsbury: „Der Lebensabschnitt Jugendzeit ist für viele Menschen eine große Herausforderung. Verläuft die Entwicklung bis dahin in gesunder Weise, sind sie motivierte Menschen, die Ziele erreichen wollen und die typischen Krisen dieser Entwicklungszeit erfolgreich bewältigen. Viele Jugendliche müssen jedoch die Lebensaufgaben des Jugendalters vor dem Hintergrund einer von Komplikationen und vielfältigen Belastungen geprägten Biografie stellen. Dass solche Krisen heutzutage zunehmend mit sozialen Rückzug beantwortet werden, hat viele Gründe und es lohnt sich, hier den Blick auf das komplexe System zu richten, in dem der/die Jugendliche sich befindet: Gesellschaft, Familie, Schule, Peer-Group. Nicht selten liegt erheblich sozialer Druck vor, eine abweichende Familiensituation, eine psychische Erkrankung eines Elternteils, Mobbingerfahrungen oder fehlender Anschluss an eine Peer-Group.“
Liegt die Einsamkeit junger Menschen in ihrer Unerfahrenheit begründet? Haben sie noch nicht genug soziale Kompetenz?
Dr. Petra Kingsbury: „Die Gründe, warum es in dem Alter zu sozialen Rückzug kommt, sind so vielfältig wie die Jugendlichen selbst. So kann es z.B. aufgrund der Entwicklung einer Essstörung zu zunehmender Einsamkeit kommen, da sich der/die Jugendliche nur noch mit seinem/ihrem Essverhalten auseinandersetzt und das Essen zum Beziehungsgegenüber wird. Auch das sich ausbreitende Computerverhalten begünstigt Einsamkeit, da es viel einfacher ist, „Internetfreunde“ zu kontaktieren statt reale Nähe zu suchen. Was am Anfang für die Jugendlichen als entlastend erlebt wird, kann sich schnell zu einem schwerwiegenden psychischen Problem entwickeln: nicht selten endet dies in einem völlig zurückgezogenem Leben bei den Eltern, zunehmender Einsamkeit bei immer dünner werdenden Sozialkontakten, gescheiterte schulische oder berufliche Wege bei stetig schwächer werdendem Selbstbewusstsein. Ängste, Leistungsversagen und Suchtverhalten sind häufig Begleiter dieser Entwicklung.“
Wie kann man als Elternteil, Lehrkraft oder andere Bezugsperson Jugendliche bei ihrem Weg aus der Einsamkeit unterstützen?
Dr. Petra Kingsbury: „Bemerken Eltern oder Lehrer-/innen gravierende Verhaltensveränderung ist ein rasches Ansprechen ratsam. Wenn sich die Familie mit den Veränderungen überfordert sieht, ist es hilfreich so bald als möglich sich beratende oder therapeutische Hilfe zu holen, da Jugendliche in dieser sensiblen Lebensphase ohne stabile Basis schnell den Halt verlieren. Sie fühlen sich dann z.B. nicht zugehörig, finden keinen angemessenen Platz im Freundeskreis oder übernehmen in Familien eine Verantwortungsrolle, die sie überlastet.“
Werden aus einsamen Jugendlichen auch einsame Erwachsene?
Dr. Petra Kingsbury: „Unbehandelt besteht die Gefahr, dass sich aus dieser Jugendkrise oftmals schwerwiegende psychische Erkrankungen entwickeln, die sich im Erwachsenenalter chronifizieren. Es ist anzuraten, die psychotherapeutische Behandlungsbedürftigkeit fachkundig einschätzen zu lassen. Ist eine ambulante oder stationäre Therapie angezeigt, können Jugendliche darin Unterstützung und Rückhalt erfahren, Nähe und Wertschätzung, Grenzen und Orientierung. Sie können erfahren und lernen, wie sie wieder gesund und kraftvoll werden können.“
Familienklinik Bad Wörishofen
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